DFG-Projekt: divers:ed: Geschlechtlich-sexuelle Diversität im Schulalltag. Eine dispositivanalytische Untersuchung schulischer Geschlechterbildung.
(seit April 2024)
Gesellschaftliche und bildungspolitische Diskurse zu Geschlecht und Sexualität haben sich in den letzten 10 Jahren verändert: Zum einen zieht die aktuelle Rechtslage mit der dritten Personenstandskategorie „divers“ eine Erweiterung geschlechtlich-sexueller Existenzweisen nach sich und zum anderen taucht auch im Zusammenhang mit sexueller Bildung seit etwa 2010 vermehrt der Ruf nach Anerkennung von geschlechtlich-sexueller Vielfalt bzw. Diversität auf. Geschlecht, Sexualität und damit verbundene soziale Normen sind somit auf der bildungspolitischen Ebene fachlich anerkannte Themen, die es angemessen zu berücksichtigen gilt, wobei Schule einen zentralen Vermittlungsort darstellt.
Wie und inwiefern sich aktuelle gesellschaftliche und bildungspolitische Diskurse zu Geschlecht und Sexualität im schulischen Alltag abbilden, ist bisher nicht empirisch untersucht. Das geplante Forschungsprojekt nimmt sich deshalb der Frage an, inwiefern und wie solche juridisch-diskursiven Veränderungen in die schulische Praxis übersetzt werden. Am Beispiel einer integrierten Gesamtschule, deren Leitung Vielfalt und Antidiskriminierung in den Mittelpunkt der Schulentwicklung stellt, wird analysiert, wie etwa Diskurse zu Inter* und Trans*Geschlechtlichkeit, Geschlechterdiversität, zu einem erweiterten Ehe- und Familienverständnis und sexueller Vielfalt auf der Ebene des Leitbildes der Schule und von schulischen Akteur*innen aufgegriffen werden und welche Effekte sie zeitigen. Der Zusammenhang zwischen bildungspolitischen Vorgaben, schulischen Praktiken und Symbolen mit Subjektpositionen und Dingen soll mithilfe einer foucault'schen Dispositivanalyse (vgl. Bührmann/Schneider 2015) untersucht werden.
Die geplante Dispositivanalyse beinhaltet neben einer Diskursanalyse bildungspolitischer und schulischer Dokumente Expert*inneninterviews mit Lehrkräften, externen Pädagog*innen und Elternvertreter*innen sowie teilnehmende Beobachtungen in schulischen Projektwochen (mit 12-15-jährigen Schüler*innen) rund um das Thema Geschlecht und Sexualität und an regulären Unterrichtstagen. Geschlecht und Sexualität werden in Anlehnung an Judith Butlers Theorie der Performativität von Geschlecht (vgl. Butler 1997) relational und intersektional sowie diskurstheoretisch konzeptualisiert. Das Vorgehen beim Sampling, die Erhebung und Analyse orientieren sich am zyklisch-iterativen Prozess der Grounded Theory Methodologie nach Strauss und Corbin (1996), der dispositivanalytisch modifiziert wird. Hauptziel der Untersuchung ist, eine empirisch fundierte Macht-Wissens-Analyse im Feld der schulischen Geschlechterbildung durchzuführen und eine gegenstandsbezogene Theorie zum geschlechtlich-sexuellen „Vielfaltsdispositiv“ zu entwickeln.
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divers:ed: Gender-sexual diversity in everyday school life. A dispositive-analytic investigation of school-based gender education.
Social and educational discourses on gender and sexuality have changed over the past 10 years. On the one hand, the current legal situation with the third category of civil status ;divers' entails an expansion of gendered and sexual modes of living. On the other hand, claims for the recognition of gender and sexual diversity have also increasingly emerged in the context of sexual education since 2010. Gender, sexuality, and related social norms are thus important issues at the educational policy level that need to be adequately addressed, with school as a key site for education.
How and to what extent current social and educational policy discourses on gender and sexuality are reflected in everyday school life has not yet been empirically investigated. The requested research project therefore addresses the question to what extent and how such juridical-discursive changes are translated into school practice. Based on the example of an integrated comprehensive school, whose management places diversity and anti-discrimination at the center of school development, it will be analyzed how, for example, discourses on inter* and trans* gender, gender diversity, on an expanded understanding of marriage and family as well as on sexual diversity are taken up at the level of the school's mission statement and by school actors, and what effects they produce. The connection between educational policy guidelines, school practices and symbols with subject positions and things will be examined with the help of a Foucaultian dispositive analysis (cf. Bührmann/Schneider 2015).
The planned dispositive analysis includes a discourse analysis of educational policy and school documents, expert interviews with teachers, external educators and parent representatives, participant observations in school projects (with 12-15 year olds) around the topic of gender and sexuality and on regular teaching days. Gender and sexuality are conceptualized relationally and intersectionally as well as discursive effects, following Judith Butler's theory of the performativity of gender (cf. Butler 1997). The sampling procedure, the survey and the analysis are based on the cyclical-iterative process of the Grounded Theory methodology according to Strauss and Corbin (1996), which is modified in a dispositive-analytical way. The main goal of the study is to conduct an empirically grounded power-knowledge analysis in the field of school-based gender education and to develop an object-based theory on the gender-sexual "diversity dispositive
Forschungsprojekt: Vom heimlichen Lehrplan zur Affirmation von Verschiedenheit!? Geschlechterbildung an hessischen Schulen mit Courage
Forschungsprojekt
Gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (Beginn Juni 2020)
Mit der explorativen Studie soll erforscht werden, wie Ansätze zur Anerkennung geschlechtlich-sexueller Vielfalt in Lehrer*innen-Fortbildungen und an Schulen mit entsprechenden Maßnahmen („Schule der Vielfalt“, „Schule ohne Rassismus“) umgesetzt werden und wie sich Programmatik und pädagogische Praxis zueinander verhalten. Mithilfe von Dokumentenanalysen, Interviews mit Schlüsselpersonen und fokussierten ethnographischen Beobachtungen sollen Möglichkeiten und Grenzen entsprechender Maßnahmen identifiziert werden. Das Projekt wird für eine Laufzeit von 18 Monaten gefördert.
Antragsstellung/Leitung: Prof. Dr. Bettina Kleiner (Goethe-Universität Frankfurt)
Wissenschaftliche Mitarbeit: Clara Kretzschmar (Goethe-Universität Frankfurt)
Studentische Mitarbeiter*in: N.N
Netzwerk Erziehungswissenschaftliche Subjektivierungsforschung – Theoretische, Methodologische und Methodische Einsätze (NES)
Wissenschaftliches Netzwerk
Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
Das wissenschaftliche und ortsübergreifende Netzwerk widmet sich grundlegenden Fragen der qualitativ-empirischen Subjektivierungsforschung in der Erziehungswissenschaft und bearbeitet dabei theoretische, methodologische und methodische Einsätze. Es besteht aus Wissenschaftler*innen an sieben verschiedenen Hochschulstandorten in mehreren Bundesländern und wird für eine Dauer von drei Jahren gefördert.
Antragstellerin/Koordination: Dr. Karen Geipel TU Berlin)
Mitverantwortlich: Prof. Dr. Bettina Kleiner (Goethe-Universität Frankfurt)
Studentische Mitarbeiter*in: N.N.
Zum Netzwerk und den beteiligten Wissenschaftler*innen: